Wenn wir uns unseren schmerzlichen Gefühlen offen und ehrlich stellen, können wir belastende Erlebnisse innerlich heilen und neue Lebensabschnitte friedlich, eigenverantwortlich und in Freude gestalten.

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Walter Kohl - Trailer

Walter Kohl – Newsletter April 2014

Königstein, im April 2014

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde des Zentrums für eigene Lebensgestaltung,

wie die meisten von Ihnen wissen, arbeiten meine Frau Kyung-Sook und ich zusammen mit unserem Unternehmen Kohl & Hwang als Automobilzulieferer aus Korea für Deutschland. Wir verstehen uns als deutsch-koreanisches Kompetenzzentrum und daher haben die Ereignisse in Korea eine große Bedeutung für unser Leben.

Vor einigen Tagen ereignete sich eine Schiffstragödie von bisher ungeahnten Ausmaßen vor der koreanischen Küste. Durch das Sinken der Fähre „Sewol“ werden wahrscheinlich Hunderte von Menschen sterben, vor allem Oberstufenschüler aus Ansan, einer Stadt südlich von Seoul, in der wir wichtige Geschäftspartner haben und mit der wir uns verbunden fühlen. Da ich selbst Vater und Stiefvater von Jugendlichen in der Altersklasse der Opfer bin, berührt mich dieses Unglück besonders. Und natürlich stellt sich insgeheim auch mir die Frage: Was wäre, wenn Dein Kind auf einer solchen Fähre gewesen wäre?

In Deutschland können wir uns das Ausmaß des Schocks und der Wut der Menschen in Korea über dieses Unglück kaum vorstellen, da es viele Schwächen und Lügen innerhalb der politischen und sozialen Struktur Koreas aufdeckt. Dieses Unglück ist viel mehr als nur die Tragödie der Opfer und ihrer Familien, es ist von großer politischer und sozialer Sprengkraft, weil es das Vertrauen der Menschen in ihren Staat und in die Autoritäten zentral betrifft. Es bleibt daher abzuwarten, welche weiteren Dynamiken sich entwickeln und welche politischen Konsequenzen sich ergeben werden.

Fast zeitgleich mit dem Unglück fiel das diesjährige Osterfest, in dem wir sowohl den Tod als auch den Sieg über den Tod in Form der Auferstehung Jesu feiern. Daher möchte ich das Thema des Monats April 2014 im Gedenken an die Opfer des Unglücks formulieren:

Tod eines geliebten Menschen: Endpunkt oder Doppelpunkt in unserem Leben?

Als meine Oma mütterlicherseits im Sommer 1980 im hohen Alter verstarb, war ich gerade auf InterRail Tour mit Freunden in Frankreich. Ich war 17 Jahre alt, also ein Schüler wie die Jugendlichen auf der koreanischen Fähre. Am Telefon berichtete mir meine Mutter, dass es nun wohl bald nach längerem Krankenhausaufenthalt mit Gogo, so nannten wir sie liebevoll, zu Ende gehen würde. Ich fuhr sofort nach Hause und kam doch einige Stunden zu spät. Zusammen mit meiner Mutter besuchte ich Gogo am nächsten Morgen ein letztes Mal im Städtischen Klinikum in Ludwigshafen. Die Schwestern bauten die Geräte ab und räumten das Patientenzimmer gerade leer, als wir kamen. Nur Gogo lag noch in ihrem Bett, so als ob sie auf mich gewartet hätte. Doch nun war sie tot, es war vorbei. Erschüttert stand ich neben dem Bett und hielt ihre kalte Hand.

Nach einer Weile verabschiedeten wir uns und machten uns auf den Weg nach Hause. Als wir den Aufzug in der Eingangshalle des Krankenhauses verließen und uns zur großen Drehtür, die zum Parkplatz führte, begaben, kam uns eine Gruppe Menschen aus Richtung der Gynäkologie entgegen. Kurz vor der Drehtür trafen wir mit ihnen zusammen. Es war eine junge Familie. Die Mutter hielt glücklich strahlend ein Kissen mit einem frischgeborenen Baby im Arm. Alle waren fröhlich und offensichtlich froh, nun nach Hause fahren zu können.

Als wir auf diese Familie trafen, berührte mich meine Mutter kurz am Arm, um der Gruppe den Vortritt in der Drehtür zu lassen. Ich blickte meine Mutter an und sie sagte zu mir: „Siehst du Walter, das ist das Rad des Lebens. Die einen kommen, die anderen gehen.“ Wir blieben noch einen Moment an der Drehtür stehen und blickten der Familie nach. Ich musste an die tote Gogo denken, spürte wieder ihre kalte Hand auf meiner Haut und zugleich sah ich das neue Leben, das kleine Baby, das Glück der Familie. Ein Bild, das sich tief in mir einprägte.

Menschen sterben, wir alle werden sterben. Das ist gewiss und dennoch fällt es uns so unendlich schwer ein friedvolles Verhältnis mit dem Tod zu finden, insbesondere wenn es zu Katastrophen wie dem Fährunglück in Korea kommt. Geliebte Menschen sterben, oft viel zu früh. Junge Menschen, junge Leben vergehen, noch bevor sie richtig leben konnten. Das ist schrecklich, das ist ungerecht, das ist grausam. Wir schreien unseren Schmerz heraus, so wie die Familien der Opfer in Korea. Unser Leben scheint still zu stehen, unser Herz in einen Abgrund zu stürzen.

Wenn ein Mann seine Frau verliert, wird er Witwer. Wenn eine Frau ihren Mann verliert, nennt man sie Witwe. Kinder, die ihre Eltern verlieren, werden zu Waisen – doch wie nennen wir Eltern, die ihre Kinder verlieren? Hier gibt es kein Wort, weder in den westlichen Sprachen noch auf koreanisch. Dieser besondere Schmerz scheint nicht in unserem Vokabular erfasst. Das macht ihn so schwer erträglich, so grausam.

Doch der Tod wird immer unser Wegbegleiter sein. Wir können ihm nicht ausweichen. Wir können ihn nur in unser Leben integrieren und die Zeit, die uns als Leben geschenkt wird, nutzen zum Wohle der Menschen. Besonders wenn junge Menschen sterben, wird diese Herausforderung schnell zu einer scheinbar unmenschlichen Aufgabe. Doch an dieser Stelle bin ich meiner Oma Gogo dankbar. Ihr Tod hat mir gezeigt, dass geliebte Menschen in uns weiter leben, dass wir die Fackeln ihres Vermächtnisses, ihres Lebens in uns weiter tragen.

2001, nach dem Freitod meiner Mutter, litt ich, bis ich mich wieder auf die Lehre von 1980 besann. Gerade wenn geliebte Menschen sterben, ist es unsere Aufgabe, ihr Vermächtnis weiter zu tragen – so schwer und überwältigend dies zunächst auch erscheint. Die toten Jugendlichen von der Fähre wollen nicht, dass ihre Familien leiden. Als meine Mutter sich das Leben nahm, wollte sie auch nicht, dass ihre Familie leiden sollte. Als Jesus starb, wollte er kein Leid erzeugen sondern Liebe, Leben und Frieden hinterlassen. Er schenkte uns die Auferstehung als Hoffnung und machte damit den Tod zum Doppelpunkt. Ein Punkt beendet einen Satz, einen Gedanken - ein Doppelpunkt hingegen führt ihn unter anderen Vorzeichen weiter.

Der Tod eines geliebten Menschen löst einen schweren Kampf der Gefühle in uns aus, egal ob wir Eltern oder Kinder sind, ob wir in Korea, Deutschland oder sonst wo auf der Welt leben. Im Tod sind wir alle gleich. Und wir brauchen alle die gleiche Kraft: die Kraft, die den Schmerz des Verlustes in eine Perspektive des Vermächtnisses wandelt, die uns es ermöglicht, auch in einer solchen Katastrophe unser Leben und unseren Auftrag weiter zu Leben.

Für mich ist das das eigentliche Vorbild von Ostern. Die Auferstehung fand und findet nicht nur in Golgatha vor rund 2.000 Jahren statt. Sie findet immer wieder statt, wenn wir unseren Toten einen würdigen und liebevollen Platz in unserem Herzen und in unserem Leben einräumen. Dazu müssen wir aber auch leben wollen und leben gestalten, besonders im Moment des Schmerzes. Dazu müssen wir unseren Auftrag annehmen, als Glieder einer endlosen Kette von Generationen, von Menschen, die kommen und gehen. Wir sind Teil eines Ganzen und selbst der Tod kann diese Einheit nicht sprengen.

Diese Kraft wünsche ich den Familien der Opfer in Korea und allen Menschen, die das Leben vor eine solche schwere Aufgabe stellt.       

Alles Gute für Sie und bis bald!

Ihr

Walter Kohl 

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